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Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Engagierte, sehr geehrte Unterstützer:innen der Arbeit des AK-Asyl Remseck. 10 Jahre – erst ein Willensbündnis – eine Initiative der Solidarität – dann e.V. – und seit Ende 2023 wieder eine freie Initiative.
Offen, überpolitisch, interreligiös, überkonfessionell.
10 Jahre Engagement, Begegnung, Konflikt, Enttäuschung, aber auch unzählige Erfolgsgeschichten. 10 Jahre, in denen wir gelernt haben: Menschlichkeit ist kein zufälliges Ereignis, sondern eine Haltung – eine tägliche Entscheidung.
Wenn wir heute zurückschauen, dann tauchen unweigerlich die Bilder aus jenem Spätsommer 2015 auf. Menschen am Münchner Hauptbahnhof. Nicht nur dort. Ehrenamtliche mit Wasserflaschen, Lebensmitteln, Kuscheltieren. Polizisten, die Kinder begrüßen, Schilder mit „Refugees welcome“. Es war, als hätte ein Land sein freundliches Gesicht entdeckt. Und auch hier in Remseck öffneten sich Türen und Herzen.
Die Kreisverwaltung forderte von Remseck zwei Standorte für Flüchtlingsunterkünfte ein. Die Stadtverwaltung schlug den noch heute bestehenden Standort in der Neckarkanalstraße in Aldingen vor und einen zweiten in Hochberg an der Hochdorfer Straße, der aber nie realisiert wurde. Auch ein Projekt für sozialen Wohnungsbau 2019 an dieser Stelle scheiterte.
Aus einem Antrag der FDP-Fraktion, einen „Runden Tisch für Kriegsflüchtlinge“ einzurichten, an dem die Kirchen, gesellschaftliche Gruppen und Bürger teilnehmen sollten, entstand 2015 der noch heute existierende AK Asyl Remseck. Durch einen weitestgehend politischen Konsens und die Arbeit vieler Ehrenamtlicher, vor allem im AK-Asyl Remseck, gelang die Integration der Geflüchteten in Remseck meines Erachtens besser als in manch anderen Kommunen.
Ich beobachte das alles ja erst seit 2016, habe die Anfangszeiten nicht selber miterlebt. Im Oktober 2015 stand die Stimmung in der Stadt einmal bedrohlich auf der Kippe: Der ehemalige Gasthof Lamm in Neckargröningen brannte direkt neben der Unterkunft für Geflüchtete. Bundesweit wurde in den Medien sofort von einem rechtsradikalen Anschlag gegen Flüchtlinge in Remseck gesprochen. Und auch wenn sich nachher herausstellte, dass es kein Anschlag gewesen ist – sondern Versicherungsbetrug ohne politischen Hintergrund, war es gut, dass der damals noch neue Oberbürgermeister Schönberger zusammen mit dem AK Asyl eine Mahnwache initiierte, an der noch am Tag des Geschehens gut 500 Bürgerinnen und Bürger teilnahmen und andere Bilder über Remseck erzeugten.
Ganz praktisch wurden die kommenden Monate:
Deutschkurse entstanden, Kleidung wurde gesammelt, Wohnungen gesucht, Freundschaften geschlossen. Es war ein Sommer der Hoffnung. Und es war ein Moment, in dem Zivilgesellschaft, Verwaltung, Kirchen, Vereine und Nachbarschaften zusammenstanden. Ein Augenblick, in dem wir spürten: Ja, wir wollen das schaffen. „Wir schaffen das“ – vielleicht Satz für die Geschichtsbücher. Aber doch vor allem der Anfang eines sehr diffizilen Kapitels innen- und außenpolitischer Entwicklungen und Entscheidungen. Denn das, was damals begann, war dann eben kein „Willkommensfest ohne Ende“, keine Feier der Menschlichkeit, die unsere Gesellschaft menschlicher gemacht hätte. Die folgende Realität war oftmals eine mühsame, oft widersprüchliche – manchmal frustrierende.
Viele von uns hier haben das am eigenen Leib erlebt. Die Helferinnen und Helfer waren bald erschöpft. Die Kleiderkammern waren übervoll, aber Wohnungen fehlten. Die Bürokratie war langsam, die Sprache schwer, die Traumata groß. Und irgendwann wurde aus dem „Wir schaffen das“ ein: „Schaffen wir das überhaupt noch?“
Gleichzeitig: Die Stimmung im Land begann sich zu verändern. Aus dem Sommer der Großherzigkeit wurde ein Winter der Kälte. Was 2015 „Willkommenskultur“ hieß, wurde bald verspottet. Wer sich engagierte, galt plötzlich als „Gutmensch“ – und das war nicht als Kompliment gemeint. Politikschaffende begannen, wieder von „Obergrenzen“ zu reden, von „Kontrollverlust“. Und schließlich – erinnern wir uns – erklärte ein Innenminister die Migration zur „Mutter aller Probleme“ – das war 2018.
Heute, 2025, zeigt sich: Viele dieser Narrative waren falsch – aber sie waren und sind wirkmächtig. Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz es wichtig findet zu betonen, dass die Bundesregierung die Migration im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent reduziert habe und dann nachschiebt: „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“ – dann verwendet er damit unbewusst oder bewusst rassistische Deutungsmuster, indem er „Äußerlichkeiten zur politischen Kategorie“ macht.
Diese Narrative erinnern an Debatten aus den 1990er-Jahren, in denen „Sichtbarkeit von Migration“ als gesellschaftliches Problem verhandelt wurde, anstatt dass über sozialstrukturelle Ursachen gesprochen wurde. Das alles verfängt gesellschaftlich. Auch weil Ängste real sind, weil natürlich auch Fehler passieren. Eben weil Integration kein leichter Weg ist. Und ja, der ehrliche Blick gehört dazu: Es kamen natürlich nicht nur Akademiker und Ärztinnen, sondern auch Menschen ohne Schulbildung. Es kamen nicht nur offene, herzliche, kulturneugierige Menschen, sondern Leute aus autoritären Gesellschaften mit ihren patriarchalisch-autoritären Gesinnungen, Menschen, die Gewalt erfahren hatten – traumatisiert waren. Und traumatisiert gehandelt haben. Das hat uns herausgefordert.
Und ja, es gab Überforderung, Konflikte, auch Kriminalität. Aber zu oft wurden diese Probleme nicht analysiert. Es wurde nicht lösungsorientiert und menschenzentriert gehandelt. Ereignisse wurden missbraucht, um Misstrauen zu säen. Die eigentliche Herausforderung ist doch die: Wenn Rückschläge kommen, wenn die schnellen Lösungen helfen sollen, die wirtschaftlichen, womöglich die profitablen – wenn die pure Überforderung dem Einzelschicksal der Menschen nicht mehr nachkommen kann – dann über das erste Helfen und zweite Helfen hinaus den langen Atem zu behalten.
Heute – zehn Jahre später – sehen wir beides: Erfolge und Enttäuschungen. Wir sehen junge Menschen, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben, Familien, die hier ein neues Zuhause gefunden haben, Kinder, die längst auf Deutsch träumen. Wir sehen aber auch diejenigen, die es schwer haben, die in unwürdigen Gemeinschaftsunterkünften leben, die keine Perspektive finden. Oder wir sehen mit Ohnmacht neue Fluchtbewegungen – so wie die der vielen Ukrainerinnen und Ukrainer seit 2022.
Deutschland hat in diesen zehn Jahren viel geleistet. Fast 3 ½ Millionen Geflüchtete leben heute hier – mehr als in jedem anderen EU-Land. In Remseck sind es derzeit um die 900. Wir haben viel geleistet – und tun es weiterhin. Auf das ganze Land gerechnet, sind 86 Prozent der Männer, die 2015 kamen, erwerbstätig. Ohne die syrischen Ärztinnen und Pflegekräfte würden unsere Krankenhäuser heute kaum funktionieren. Das sind Erfolge, die man sehen darf – aber sie bleiben brüchig. Denn Integration ist keine Aufgabe für Jahre, sondern für Generationen. Und über all diese Zahlen hinaus bleibt das Entscheidende: Jede Flucht, die gelungen ist, jedes Leben, das gerettet wurde, ist ein Erfolg. Nicht in ökonomischen, sondern in menschlichen Maßstäben.
Darum geht es – damals wie heute – um eine Haltung: Um die Weigerung, Gleichgültigkeit zuzulassen. Papst Franziskus hat das einmal die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ genannt.Hier in Remseck haben wir doch etwas entgegenzusetzen, oder? Mitmenschlichkeit. Geduld. Kreativität. Nicht blindes Helfen, sondern beherztes Handeln. Nicht Romantik, sondern Realismus mit Herz. Ja, nicht alle werden bleiben können und wollen. Ja, wer dieser Gesellschaft Schaden zufügen will, muss gehen. Man kann versuchen, zu verstehen, zu helfen – aber wenn das alles nicht verfängt, müssen Menschen ein Land auch wieder verlassen. Aber für die, die hier sind – und die Schutz suchen – öffnen wir unser Herz und setzen alles daran, sie menschenwürdig aufzunehmen. Wir brauchen sie.
Manche sagen vielleicht: „Wir können nicht die Samariter der Welt sein.“ Aber vielleicht taugt gerade dieser allseits bekannte barmherzige Samariter als Vorbild: Er hat nicht alles geschafft, aber er hat das getan, was in seiner Macht stand – was ihm schlichtweg vor der Nase lag. Er hat geholfen – mit Herz, mit Verstand – und mit Maß. Und genau das ist es, was Sie – was wir – in diesen zehn Jahren getan haben. Nicht perfekt, nicht fehlerfrei, aber mit Haltung. Darum möchte ich heute sagen: Wir haben nicht alles geschafft. Aber wir haben Menschlichkeit bewahrt – und das ist in diesen Zeiten keine kleine Leistung.
Die Migration ist nicht die Krise einer Gesellschaft. Die Krise beginnt dann, wenn das gesellschaftliche und politische Denken und Reden, das Entscheiden und Handeln zu einer Krise der Menschlichkeit führt. Das darf nicht passieren. Und wo es passiert ist – da müssen wir gegensteuern: politisch – menschlich – aktiv. Und dafür steht der AK-Asyl – heute – und auch in Zukunft.
Ich danke Ihnen und Euch für alle Unterstützung bis hierher – und auch weiterhin. Danke. Danke an alle, die sich auch heute so aufopferungsvoll eingesetzt haben. Danke für Ihr Hiersein. Allen noch einen guten Abend.